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Kopf oder Bauch, Verstand oder Gefühl – was steuert unser Verhalten?

das Cockpit eines alten blauen Ford Mustang mit Holzlenkrad

Steigen wir in dieses Thema mit einer Schätzfrage ein. Was meinen Sie: Wie viel Geld geben deutsche Autofahrerinnen und Autofahrer durchschnittlich im Laufe ihres Lebens unterm Strich für Kauf, Unterhalt, Wartung und Pflege ihrer Autos aus – also inklusive Anschaffung, Versicherung, Steuern, Benzinkosten etc.? Mit anderen Worten: Wie hoch sind in Deutschland statistisch gesehen die lebenslangen privaten Vollkosten des Autofahrens (ohne die Kosten für die Gesellschaft)?*

Kopf- oder Bauchentscheidungen?

Halten Sie sich fest! In einer aktuellen, für drei verschiedene Kfz-Modelle durchgerechneten Analyse kam ein internationales Autorenteam jüngst zu folgendem Ergebnis: Die monatlichen Vollkosten des Autofahrens in Deutschland liegen für den VW Golf bei 638 Euro; in den durchschnittlich fast 53 Jahren des automobilen Lebens kommen demnach 403.179 Euro zusammen (vgl. Gössling et al. 2022, Tab. 4). Zum Vergleich: Im Jahr 2022 betrug der Durchschnittsverdienst aller rentenversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland 43.142 Euro; die lebenslangen Vollkosten des Autofahrens entsprechen demnach 9,3 durchschnittlichen Jahresgehältern – brutto, wohlgemerkt.**
 

Wir sehen: Eine Emotion (die Liebe zum Auto …) kann das rationale Denken (… ist klimaschädlich und kostet eine Menge Geld) erstaunlich außer Kraft setzen.

Kronzeuge 1: der Hirnforscher Gerhard Roth

Die (Umwelt-) Psychologie teilt diese Erkenntnis: Sie sieht in den Emotionen eine starke Triebfeder für menschliche Motivationen (vgl. Becker 2018, S. 169 ff.), umweltpsychologische Modelle zur Erklärung menschlichen Handelns schreiben den Emotionen eine zentrale Bedeutung bei der Handlungssteuerung zu (vgl. Hamann et al. 2018, S. 101).***
 

ein schnellfahrender Jeep auf der Autobahn

Emotionen sind starke Triebfedern – weshalb unser Handeln nicht zwangsläufig auf dem besten Argument beruht (Bild: Pixabay/Sponchia).
 

Wie wenig die Vernunft, das Rationale und wie sehr das Unbewusste unsere Entscheidungen beeinflusst, erkennt man übrigens auch daran, dass wir bei anstehenden Entscheidungen häufig sagen: „Ich schlafe noch einmal eine Nacht darüber.“ Der Hirnforscher Gerhard Roth stellt zum Verhältnis von Rationalität und Emotion beziehungsweise von „Kopf“ und „Bauch“ fest, „dass Gefühle den Verstand eher beherrschen als der Verstand die Gefühle“ (Roth 2003, S. 321), denn:
 

Unsere Gefühle sind nichts anderes als „konzentrierte Lebenserfahrung“.

Kronzeuge 2: der Psychologe Gerd Gigerenzer

Der international renommierte und vielfach ausgezeichnete Psychologe Gerd Gigerenzer, emeritierter Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, stößt in dasselbe Horn. Gigerenzer widmet seine Arbeit unter anderem der begrenzten Rationalität; er kritisiert kognitive Modelle, nach denen der Mensch seine Entscheidungen rational-analytisch auf der Grundlage möglichst umfangreicher Informationen trifft.

Gigerenzers empirisch fundierten (!) Erkenntnissen zufolge fällt der Mensch seine Entscheidungen intuitiv; der Psychologe unterstreicht ebenfalls die Bedeutung des Bauchgefühls. Laut Gigerenzer sind Bauchgefühle das Produkt von einfachen, meist unbewussten Faustregeln; dennoch sind intuitive Entscheidungen ihm zufolge nicht nur ökonomischer und schneller, sondern oftmals auch besser (vgl. Gigerenzer 2021). Der Psychologe verweist auf eine Vielzahl von erstaunlichen Studien und Untersuchungen, die seine These belegen.

Kronzeuge 3: der Neurowissenschaftler Antonio Damasio

Antonio Damasio, Professor für Neurologie und Psychologie an der University of Southern California, ist einer der weltweit prominentesten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die der Frage nachgehen, wie menschliche Entscheidungsprozesse gesteuert werden. Laut Antonio Damasio speichert der Mensch alle Erfahrungen, die er im Laufe seiner Entwicklung macht, in einem „emotionalen Erfahrungsgedächtnis“; dieses Erfahrungsgedächtnis teilt sich über ein körperliches Signalsystem („somatische Marker“) mit, das dem Menschen bei der Entscheidungsfindung hilft.

Stehen bei einer Entscheidung mehrere Handlungsalternativen zur Verfügung, geben die somatischen Marker eine erfahrungsgeleitete Rückmeldung, die dem oder der Betroffenen hilft, indem sie alle emotional nicht tragbaren Alternativen ausschließt (vgl. Damasio 2014 und 2004). Die somatischen Marker, die oft unbewusst wirken (etwa als „Ahnung“ oder „Alarmglocke“), sind folglich ein körpereigenes, auf dem emotionalen Erfahrungsgedächtnis basierendes System zur Bewertung von Handlungsalternativen und zur Steuerung von Entscheidungsprozessen (vgl. Ankowitsch 2015).
 

eine Kreuzung zweier Asphaltstraßen mit Zebrastreifen von oben gesehen

Im buchstäblichen und im übertragenen Sinne: Jede Weggabelung, jede Kreuzung bietet uns Handlungsalternativen und erfordert eine (Bauch-) Entscheidung (Bild: Pixabay/Guddanti).
 

Schlussfolgerungen für die Nutzermotivation

Damit ist auch Antonio Damasio ein wichtiger Kronzeuge für die These, dass die Vernunft unsere Entscheidungsprozesse sehr viel weniger steuert, als weithin vermutet, und dass die Emotionen unsere Handlungssteuerung sehr viel stärker übernehmen, als lange angenommen. Und nun folgt eine in Bezug auf das Thema „Motivation“ ganz entscheidende Erkenntnis – ein Satz von derart großer Bedeutung, dass er mit einem lauten Trommelwirbel eingeleitet werden muss (Roth 2013, S.143):
 

Emotionen leiten und bewegen uns – sie werden damit […] zur Grundlage von Motivation.

Vor diesem Hintergrund darf eine Motivationskampagne wie die „mission E“ die Menschen nicht ausschließlich auf der rationalen Ebene ansprechen und auf Sachinformationen setzen: Die Sensibilisierung und Motivation für das energiebewusste Verhalten haben vor allem dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Beschäftigten insbesondere auf der emotionalen Ebene angesprochen werden. Das bedeutet keineswegs, dass das Kommunizieren von Fakten und rationalen Argumenten unwichtig ist; im Kontext der Nutzersensibilisierung ist es jedoch effektiver, auch (!) die affektive Ebene der Menschen zu bedienen (vgl. Hamann et al. 2018, S. 79 ff.).

Deshalb thematisieren die nächsten Blogbeiträge zu den psychologischen Hintergründen der „mission E“ diejenigen Aspekte, die in irgendeiner Weise die emotionale Ebene der Menschen ansprechen, um ihre intrinsische Motivation für den Klimaschutz zu fördern.

 

Anmerkungen

*
Die privaten Kosten des Autofahrens umfassen nur die direkten Kosten etwa durch Benzin, Steuern, Versicherung, Reparaturen, Wartung und Pflege; nicht eingeschlossen sind hier die gesellschaftlichen Kosten des Autofahrens, wie bspw. die Infrastrukturkosten (für Straßen, Autobahnen usw.), die Gesundheitskosten (etwa durch die Luftverschmutzung und Lärm), staatliche Subventionen sowie die Folgekosten von Emissionen und Klimawandel.

**
Die „lifetime costs“ des Autofahrens in Deutschland erscheinen unglaublich hoch. Daher sei an dieser Stelle ergänzend auf weitere, etwas ältere Studienergebnisse hingewiesen. Der Verlag Motor Presse Stuttgart veröffentlichte Anfang 2013 Zahlen, die die Vollkosten für den VW Golf aus dem Jahr 2022 (403.179 €) plausibel erscheinen lassen: In seinem Jahresband „Autofahren in Deutschland“ (Motor Presse 2013), der unter anderem auf der Basis von Daten der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) und des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) verfasst worden war, bezifferte der Verlag die Vollkosten des Autofahrens hierzulande auf durchschnittlich 332.000 Euro. Im Vergleich zu diesem „Referenzwert“ aus dem Jahr 2013 stiegen die „lifetime costs“ bis 2022 (für den VW Golf) um rund 21 % – daraus ergibt sich eine durchschnittliche jährliche Kostensteigerung von rund 2 %.

***
Ein weiteres eindrückliches Beispiel hierfür liefern die Börsen. In den Nachrichten erfahren wir immer wieder, wie sehr Emotionen das Börsengeschehen bestimmen: Wir hören vom Vertrauen und von der Skepsis der Anlegerinnen und Anleger, von Optimismus, Hoffnung und Zuversicht, von Kauflaune und Euphorie auf dem Parkett, von Pessimismus, Enttäuschung und Panik an den Märkten (vgl. hierzu exemplarisch Lange/Rottwilm 2015).
 

drei blaue Zahlenkolonnen mit Börsenwerten, ihren Gewinnen und Verlusten

Auch bei den Ups and Downs von Börsenkursen sind menschliche Emotionen im Spiel – von Zuversicht und Euphorie bis zu Enttäuschung und Panik „auf dem Parkett“ (Bild: Pixabay/geralt).
 

Literatur

Ankowitsch, Christian 2015: Warum Einstein niemals Socken trug – Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst. Hamburg

Becker, Florian 2018: Mitarbeiter wirksam motivieren – Mitarbeitermotivation mit der Macht der Psychologie. Berlin

Damasio, Antonio R. 2014: Der Spinoza-Effekt – Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München

Damasio, Antonio R. 2004: Descartes´ Irrtum – Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München

Gigerenzer, Gerd 2021: Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München

Gössling, Stefan: Kees, Jessica Kees; Litman, Todd: The lifetime cost of driving a car. In: Ecological Economics, Volume 194 (April 2022)

Hamann, Karen et al. 2018: Psychologie im Umweltschutz – Handbuch zur Förderung nachhaltigen Handelns. München

Lange, Kai; Rottwilm, Christoph 2015: Crash-Angst am Aktienmarkt. 4 Warnsignale für den Kursrutsch – und Griechenland ist nicht dabei. In: manager magazin online, Beitrag vom 5. Juni

Mikels, Joseph A. et al. 2011: Should I go with my gut? Investigating the benefits of emotion-focused decision making. In: Emotion, Volume 11, No. 4, S. 743-753

Motor Presse 2013: Autofahren in Deutschland. Stuttgart

Roth, Gerhard 2013: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Stuttgart

Roth, Gerhard 2003: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Neue, vollständig überarbeitete Ausgabe, Berlin

 

Quelle (siehe Link-Liste): NRW.Energy4Climate
(Dieser Beitrag ist eine überarbeitete, aktualisierte und an das Medium Internet angepasste Version des Kapitels 1.3.1 „Mit Sinn und Verstand – Emotion und Rationalität“ des Kompendiums der „mission E“, S. 30-31.)